Ich gehe. Zum dritten Mal, nachdem am frühen Morgen der ohrenbetäubende Startschuss über dem sonnendurchflutenden Main-Donau-Kanal ertönte. Ich greife mir zwei Schwämme, einen Wasserbecher und ein Gel. Die Packung mit dem Kohlenhydrat-Gemisch verstaue ich in meinem Triathlon-Anzug, während ich den Becher in einem Zug leere. Ich lasse die Verpflegungsstelle hinter mir, tauche in den kühlen Schatten ein und erblicke Katharina, Patrick und Max. Meine treuen Unterstützer sehen mir meine Erschöpfung an. Von dem einst dynamischen Laufstil können sie nichts mehr erkennen – sie sehen noch nicht einmal ein dynamisches Gehen. Ich passiere den Wendepunkt und das Piepen der Zeitmessmatte ertönt. Es sind noch 14 Kilometer bis ins Ziel. Die drei sprechen mir weiter gut zu und ich versichere ihnen mit müder Stimme: „Wie auch immer, ich zieh‘ es auf jeden Fall durch!“
Vorbereitung auf meine erste Langdistanz
Im Juli 2017 klickte ich also zum dritten Mal in meiner Triathlon-Laufbahn auf den Anmelde-Button für die Langdistanz in Roth. Nachdem sich die zwei vorangegangenen Anmeldungen aufgrund von Verletzungen jeweils mit einem frustrierenden Klick auf den Abmelde-Button in Luft auflösten, sollte es dieses Mal endlich klappen. Leider war der Körper auch zu diesem Zeitpunkt angeschlagen, hatte ich doch beim Laufen immer wieder muskuläre Probleme in der Wade und Oberschenkel-Rückseite sowie in der rechten Leiste. Nach einer durchwachsenen Triathlon-Saison in der Hessischen Landesliga und dem Frankfurt Marathon Ende Oktober gönnte ich mir sechs Wochen Laufpause in der Hoffnung, den Körper schmerztechnisch auf Reset zu setzen. Die Saisonpause nutzte ich, um erste Einstellungen an meinem Triathlonrad vorzunehmen, das mir Fahrrad XXL Kalker in Ludwigshafen dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hatte 😊.
Mitte Dezember nahm ich schließlich meine erste Laufeinheit in Angriff. Und sehr schnell zerschlug sich meine gehegte Hoffnung: Schon nach wenigen Kilometern kündigte sich leicht oberhalb der linken Kniekehle ein Ziehen an, das sich alsbald in der Wade fortsetzte. Schon wieder! Dehnen und Blackroll halfen nicht oder wenn überhaupt, nur bedingt. Ich bekam die Schmerzen einfach nicht in Griff und so pendelten sich meine wöchentlichen Lauf-Kilometer auf überschaubare 20 ein.
Immerhin lief es bei den beiden anderen Disziplinen besser. Meine Schwimmform war trotz maximal zwei Einheiten pro Woche sehr zufriedenstellend und beim Radfahren lösten sich so allmählich alle Schwierigkeiten. Da es sich um mein erstes Triathlon-Rad handelte, musste doch einiges umgebaut und getestet werden. Gemeinsam mit meinem Arbeitskollegen Sascha optimierten wir meine Sitzposition. So benötigte ich einen längeren Auflieger und Brackets, die ich unter den Auflieger montierte, um meinen Oberkörper höher zu bekommen. Aller guten Dinge sind drei bewahrheitete sich bei der Sattel-Wahl: Als ich hier endlich das richtige Modell gefunden hatte, merkte ich förmlich, wie ich mit dem Rad zu einer Einheit wurde. Ab diesem Moment war es einfach ein Wahnsinns-Gefühl, in der Aero-Position über den Asphalt zu kurbeln.

Trotz alledem blieb immer noch das Lauf-Problem. Daher beschloss ich, zweieinhalb Monate vor dem Wettkampf, die Physio meines Vertrauens aufzusuchen. So war ich bis zu meinem großen Rennen ein Mal pro Woche in Behandlung. Und endlich stellte sich eine Besserung ein: Fünf Wochen vor dem Wettkampf konnte ich 21 Kilometer ohne muskuläre Probleme joggen und eine Woche später sogar 25. Danach aber kam der absolute Tiefpunkt in der Vorbereitung. Bei der nächsten Radeinheit spürte ich ein schmerzhaftes Ziehen in der linken Achillessehne, das sich sogar beim Gehen bemerkbar machte. Die 25 Kilometer waren in der körperlichen Verfassung einfach zu viel für den Körper. Ich beschloss, mit dem Lauftraining bis zum Wettkampf komplett auszusetzen und legte all meine Hoffnung in die physiotherapeutische Behandlung.
It’s raceday
Ich blicke auf die Uhr. 03.30 Uhr. Rund vier Stunden Schlaf habe ich abbekommen. Was mich betrifft, so ist dies vor einem Wettkampf gar nicht mal so schlecht. Noch ein, zwei Mal umdrehen und dann aufstehen. Wenn nur diese Kälte nicht wäre. Über Nacht hat es bis auf zehn Grad abgekühlt. Wir zelten wenige hundert Meter entfernt vom Schwimmstart, um sofort beim Geschehen zu sein. An Schlaf ist natürlich nicht mehr zu denken. Es ist 4.30 Uhr, und kurz bevor ich aufstehe, dringen auch schon die ersten Musikklänge vom Main-Donau-Kanal durch die dünne Zeltwand. Es ist angerichtet, der große Tag ist endlich da. Ein erwartungsvolles Lächeln umspielt meinen Mund. Dann krabbele ich aus dem Zelt und Katharina folgt mir. Sie macht sich sofort daran, die wichtigen Zutaten in eine meiner Radflaschen zu füllen: Ein Maltodextrin-Honig-Traubensaft-Salz-Wasser-Gemisch wird mein Energielieferant für die zweite Disziplin sein. In der Zwischenzeit hat auch mein Cousin Patrick sein Zelt verlassen und sich zu uns gesellt. Schließlich, nach einem kargen Weißbrot-Marmeladen-Frühstück, machen wir uns zu dritt zum Schwimmstart auf. Die ersten Sonnenstrahlen blitzen über einige Baumwipfel und vertreiben kurz darauf das letzte bisschen Kälte aus meinem Körper.
In der Wechselzone wuselt es nur so vor Athleten, die ihr Material checken, Reifen aufpumpen oder sich schon irgendwo am Rand platzieren, um den Neoprenanzug anzuziehen. Ein groteskes Bild bietet sich mir plötzlich, als sich ein Athlet gemütlich eine Kippe anzündet und sich fachmännisch über sein Bike beugt. Sachen gibt’s!

Plötzlich ertönt der Startschuss für das Profifeld. Zeit also auch für mich, meinen Neoprenanzug überzustreifen. Dann verabschiede ich mich von Katharina und Patrick und reihe mich in die Gruppe der 06:55-Uhr-Starter ein. Links auf der Brücke und auf der gegenüberliegenden Kanalseite stehen die Zuschauer dicht aneinander. Über ihren Köpfen schaukeln bunte Heißluftballone sanft hin und her. Kurz darauf dürfen wir in das rund 20 Grad warme Wasser des Main-Donau-Kanals eintauchen.
Während ich in fünfter, sechster Reihe auf den Startschuss warte und leicht mit den Füßen strampele, um den Kopf über Wasser zu halten, wird mir tatsächlich erstmals so richtig bewusst, dass ich eventuell einen sportlichen Lebenstraum erfüllen kann. Bisher war ich immer auf das Training fokussiert und darauf, wie sich mein Körper anfühlt – und in Roth war ich schließlich mit der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung zugange. Selbst als ich den roten „Welcome Home Triathletes“ Banner in der fränkischen Kleinstadt zum ersten Mal sah, war ich noch zu sehr mit anderen Gedanken beschäftigt, um es wirklich zu realisieren. Jetzt aber, während die letzte Minute vor dem Start beginnt und damit die eigens für den Wettkampf komponierte Hymne ertönt, fällt alles von mir ab. Mir wird bewusst, dass ich tatsächlich am Start der Langdistanz bin, bei der ich bisher vier Mal zugeschaut und mir gesagt habe: Wenn ich irgendwann einmal eine Langdistanz mache, dann in Roth.

1. Akt: das Schwimmen
Noch bevor ich innerlich zu sehr die Spannung verliere, ertönt schließlich der Startschuss. Rund 400 Arme pflügen durch das Wasser und machen sich zur ersten Boje auf, die sich nach 1450 m befindet. Ich finde schnell meinen Rhythmus und komme gut voran. Noch vor der Boje kann ich sogar die ersten Athleten der vorderen Startgruppe einholen. Auf dem Weg zurück zum Schwimmausstieg sehe ich ständig die Brücke, die sich in bunten Farben über den Kanal spannt. Je näher ich dem Zuschauer-Hot-Spot komme, desto mehr Zuschauer tummeln sich auch wieder am Rand des Kanals. Es fühlt sich irgendwie schon eigenartig an. Außerhalb des Wassers sorgen ein Sprecher und die Zuschauer für Stimmung – im Wasser aber schwimmt man wie in einer Blase und bekommt von dem Geschehen außerhalb nichts oder nur sehr wenig mit.

Kurz bevor ich unter der Brücke hindurchschwimme, passiere ich einen Schwimmer, der ein Schlauchboot hinter sich herzieht. Sein Teamkollege im Boot winkt der Menge über ihm zu. So warm es mir mittlerweile im Wasser ist, bekomme ich bei der kurzen Bildsequenz doch eine Gänsehaut und muss unweigerlich an einen französischen Kinofilm denken, den ich vor einigen Jahren gesehen habe. Dort erfüllt ein Vater seinem im Rollstuhl sitzenden Sohn den Traum, gemeinsam beim Ironman Nizza teilzunehmen.
Wenig später passiere ich die zweite Boje, schwimme erneut unter der Brücke hindurch und bin nach 1:00:57 h am Schwimmausstieg. Helfende Hände unterstützen mich, um wieder in die Vertikale zu gelangen. Schließlich greife ich meinen Bike-Beutel und mache mich im Wechselzelt für die zweite Disziplin fertig.

2. Akt: das Radfahren
Auf die 180 Kilometer lange Radstrecke habe ich mich im Vorfeld am meisten gefreut. Und hier ganz speziell auf den Solarer Berg. Doch dazu später mehr.

Bis zu dem legendären Hot-Spot sind es noch 70 Kilometer. Direkt nach dem Schwimmen führt die Strecke über die zuschauergesäumte Brücke. Hier sehe ich Katharina und Patrick seit dem Start zum ersten Mal wieder. Dann führt die Strecke nach links und oberhalb des Rothsees vorbei. Ich fühle mich wohl auf meinem Rad und bleibe die meiste Zeit in der Aero-Position. Wenn es um die richtige Verpflegung beim Sport geht, bin ich wahrlich kein Held. Beim Wettkampf noch weniger als im Training. Heute möchte ich es besser machen und habe daher stets meinen Timer im Blick. So greife ich alle 15 Minuten zu meiner Radflasche und versorge mich konsequent mit meinem Maltodextrin-Gemisch. Wasser nuckele ich direkt aus dem Plastik-Halm meiner Aero-Flasche, die sich auf meinem Auflieger befindet.

Nach einigen Waldpassagen folgt ab Kilometer 22 eine rund 15 Kilometer lange Flachpassage bis Greding. Leider haben wir es hier mit starkem Gegenwind zu tun, der uns einige Watt mehr abfordert. Dennoch komme ich gut voran und nehme anschließend den Anstieg in Greding unter die Räder. Laute Musik und die vielen Zuschauer peitschen uns Fahrer nach oben. Anschließend geht es leicht kupiert weiter, ehe eine rund zwei Kilometer lange Bergabpassage folgt. Danach fahren wir immer wieder durch kleinere Ortschaften und über leichte Anstiege.

Dann endlich ist es soweit. Ich passiere das Ortsschild von Hilpoltstein und obwohl es bergab geht und das eigentliche Highlight mit dem Anstieg erst noch ansteht, erhöht sich schon jetzt mein Puls. Ich erblicke die ersten Absperrungen. Zuschauer lehnen sich darüber und jubeln mir zu. Ich fahre um die Rechtskurve und bekomme mit einem Schlag die zweite Gänsehaut des Tages. Lange habe ich von diesem Moment geträumt und mir vorgestellt, wie es wohl sein mag, auf den Solarer Berg zuzufahren. Auch habe ich ja schon einige Male zugesehen und diverse Videos davon gesehen. Aber jetzt aus der Athletenperspektive übertrifft es jede meiner Vorstellungen und ist einfach atemberaubend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da, wo sich eigentlich die Straße befindet, türmt sich eine bunte Wand vor mir auf. Es ist kaum blauer Himmel darüber zu erkennen. Athleten vor mir verschwinden in der Zuschauermenge, die sich kurz hinter dem Fahrer direkt wieder schließt. Der langgezogene Moment, während ich auf den Solarer Berg zurolle, hat etwas Magisches und der Anblick brennt sich mir förmlich in mein Gedächtnis.

Noch während mein Name aus den Lautsprecherboxen zu mir dringt, verlasse ich die letzten Absperrungen und tauche in den Hexenkessel ein. Es ist einfach unfassbar. Teilweise in Dreierreihen bilden die Zuschauer eine schmale Schleuse und machen den Weg nur wenige Sekundenbruchteile vorher frei. Ich höre Rasseln, laute Anfeuerungsrufe und hin und wieder meinen Namen. Ich werde am Rücken abgeklatscht. Von der Steigung merke ich nichts. Ich bin durchweg am Lächeln. Wie beim Schwimmen fühle ich mich auch hier wie in einer Blase. Auf andere Art und Weise. Kein Schmerz, keine anderen Gedanken, nur im Hier und Jetzt – mit einer unbeschreiblichen Wucht prasseln so viele Emotionen auf mich ein, die alles andere verdrängen und einen gehörigen Schub Adrenalin freisetzen.


Von mir aus könnte es noch ewig so weitergehen, doch nach rund einem Kilometer, als der Anstieg nach und nach ins Flache übergeht, lichten sich die Zuschauerreihen. Dafür sehe ich Katharina und Patrick wieder. Mittlerweile hat sich auch Max, der Sohn von Papas Frau, zu den beiden gesellt.

Anschließend lasse ich den Hot-Spot hinter mir und beende nach einer 15 Kilometer langen Schleife die erste Radrunde. Die zweite Radrunde ist von leichten Schmerzen im unteren Rücken geprägt, die mich dazu veranlassen, häufiger aus dem Sattel zu gehen. Dennoch kann ich ein gleichbleibendes Tempo beibehalten. Kilometer 120-170 sind mental eine Herausforderung und ziehen sich ordentlich in die Länge, ehe es sich auf den letzten 10 Kilometern wieder besser anfühlt.

Schließlich rolle ich nach 5:17:02 h auf die zweite Wechselzone zu, reiche mein Rad einem der vielen netten Helfern und laufe mit meinem Run Beutel in das Wechselzelt. Dort kümmern sich zwei Damen herzlich um mich und reichen mir Laufschuhe, -cap und Sonnenbrille. Anschließend werde ich noch an den Armen und im Nacken mit Sonnenmilch eingecremt. Ich bekam nach dem Radfahren bei Triathlon-Wettkämpfen auch schon einmal weniger Aufmerksamkeit. Was für ein Service! 😊 In diesem Sinne kann man dem Helferteam für die Unterstützung und den Einsatz gar nicht genug danken – sei es wie beim hier Beschriebenen, frühmorgens beim Schwimmausstieg oder an den zahlreichen Verpflegungsstellen. Solch ein Engagement und eine Leidenschaft von Seiten der Helfer habe ich bisher noch nicht erlebt.
Auch habe ich übrigens noch nie so eine derartige Ungewissheit vor einem Wettkampf erlebt, ob mein Körper der Herausforderung gewachsen ist. In den letzten dreieinhalb Wochen vor dem Wettkampf habe ich keinen Schritt mehr im Lauftempo unternommen. Gleich würde ich die Gewissheit bekommen, ob meine Achillessehne der Belastung standhält.
3. Akt: das Laufen
Nachdem ich mich bei meinen beiden Damen bedankt und verabschiedet habe, verlasse ich das Wechselzelt. Auch hier, auf dem Weg zur Laufstrecke, stehen Helfer und in ihrem Rücken Zuschauer, die mich anfeuern. Und das ist wieder so ein besonderer Moment, der erneut eine Welle Adrenalin freisetzt. Doch scheinbar nicht genug, um das leichte Ziehen oberhalb des linken Sprunggelenks zu unterdrücken. Okay, da ist der Schmerz nun also. Leichte Panik macht sich in mir breit. Immerhin ist der dumpfe Schmerz nicht so stark, dass ich anhalten muss. Etwas unrund renne ich also weiter und passiere die 1-Kilometer-Marke. 4:13 Minuten zeigt meine Uhr an. „Ja bin ich denn von allen guten Geistern verlassen?!“, denke ich mir. „Wenn ich so weitermache, kann ich nach 10 oder 11 Kilometern dem besagten „Mann mit dem Hammer“ Guten Tag sagen.“ Also drossele ich das Tempo etwas, bin aber immer noch zu schnell unterwegs. Wenige Meter nach der 2-Kilometer-Marke kommt mir Sebastian Kienle mit weit ausholenden Schritten entgegen. Der Topfavorit hat zu diesem Zeitpunkt rund 25 Laufkilometer mehr in den Beinen. Ihn werde ich wohl nicht mehr einholen…
Zwei Kilometer später biege ich auf den Kanaldamm des Main-Donau-Kanals ein. Für rund 20 Kilometer wird mich das ruhige Gewässer begleiten. Der feine Kies knirscht leise unter meinen Schuhsohlen, während ich mich stetig zum ersten Wendepunkt fortbewege. Ich sehe Katharina, Patrick und Max und lächele ihnen zu. Ich fühle mich gut und spüre meine Achillessehne kaum noch. Auf Höhe des Rothsees wende ich und laufe wieder zurück. Bei Kilometer 10 passiere ich die drei erneut und spüre wenig später die ersten Ermüdungserscheinungen. Patrick ruft mir noch hinterher, dass ich auf einem 9:45-h-Kurs liege. Puh, denke ich mir, unter zehn Stunden, wie ich es mir insgeheim erträumt habe, wird wohl richtig heavy.

Es wird allmählich wärmer, was auch daran liegt, dass der schattige Streckenabschnitt zu Ende ist. Bis zum nächsten Wendepunkt geht es weiterhin geradeaus, wenig Abwechslung bietet sich mir. Der Main-Donau-Kanal plätschert zu meiner Rechten gemächlich vor sich hin, ein Boot schippert an mir vorbei und Leute winken. Viel mehr nehme ich aber nicht wahr. Mein Schritt wird kürzer und der Atem flacher. Als ich bei Kilometer 18 schließlich wende, denke ich zum ersten Mal: Noch bis zur Halbmarathonmarke, dann werde ich kurz gehen. Solche Gedankenspiele sind definitiv kein gutes Zeichen. Mein Schnitt hat sich mittlerweile auf 5:40 Minuten pro Kilometer eingependelt.
Bei Kilometer 21 gehe ich tatsächlich kurz, kann aber nach Verlassen der Verpflegungsstelle wieder in den Laufschritt übergehen. Die nächste Gehpause folgt vier Kilometer später und fällt jetzt schon deutlich länger aus. Ich fühle mich richtig erschöpft, bin müde und gehe nach der Verpflegungsstelle noch 100 m weiter, ehe ich mit unkoordinierten, kleinen Tippelschritten langsam wieder anlaufe. Mittlerweile ist mein Schnitt bei über sieben Minuten pro Kilometer. Der „Mann mit dem Hammer“ gibt sein Bestes, um mich auszuknocken. Immerhin ist der dumpfe Schmerz über meinem Knöchel verstummt.
Kurz bevor ich wieder in Roth bin, bei Kilometer 28, gehe ich erneut. So strange es klingt: Es ist eine gute Gehpause. Hier ist es schattig und meine drei treuen Unterstützer sind bei mir. Alle drei reden mir gut zu. Sinnvolles Zeug und kein „Du siehst gut aus!“. Sie schätzen die Lage richtig ein und wissen, welche Worte mir jetzt helfen. Und dafür bin ich sehr dankbar. Noch ehe ich erneut in meinen wenig graziösen Tippellaufschritt verfalle, versichere ich ihnen: „Wie auch immer, ich zieh‘ es auf jeden Fall durch!“

Anschließend führt die Strecke durch Roth und dann hoch nach Büchenbach. „Hoch“ klingt nach halbtägiger Bergwanderung, in echt sind es hier lediglich 140 Höhenmeter, die sich aber annähernd wie beschriebener Marsch anfühlen. Mittlerweile bin ich in ein Mantra verfallen. Warum auch immer, ich zähle mittlerweile im Kopf von 60 bis null abwärts und beginne anschließend wieder von vorn. Ich denke mir: „Noch einmal zählen und dann gehe ich wieder. Okay, ich bin bei null, aber noch einmal geht: 60, 59, 58…“. Und so fort. So hangele ich mich von Verpflegungsstelle zu Verpflegungsstelle.
In Büchenbach passiere ich Kilometer 35 und umrunde den wunderschön angelegten Dorfweiher, der den letzten Wendepunkt der Strecke darstellt. Danach führt die Strecke wieder durch den Wald zurück nach Roth. Mein Blick fällt auf die Kirchturmuhr, die 17:35 Uhr anzeigt. Ich befinde mich bei Kilometer 39 und bin zu diesem Zeitpunkt seit 10:40:00 h unterwegs. War ich ab der Halbmarathonmarke nur noch darauf bedacht, den Wettkampf irgendwie zu beenden, setze ich mir jetzt doch noch ein Ziel: durchlaufen ohne anzuhalten und möglichst unter der 11-h-Marke zu bleiben.
Es funktioniert, ich beiße mich durch und ignoriere den Schmerz. Mein Schnitt fällt von 6:30 auf 6:00 und schließlich unter 5:30 Minuten. Ich passiere Kilometer 41, folge der Rechtskurve und überquere die Bahngleise. Längst bin ich in einer Art Tunnelblick-Modus unterwegs und registriere nur noch sehr wenig, was sich links und rechts von mir abspielt.
Schließlich kann ich den Zielkanal und dahinter das eigens für den Wettkampf errichtete Stadion erkennen. Wenige Meter davor wartet Katharina. Sie fragt, ob sie mich ins Ziel begleiten solle oder ob ich alleine einlaufen möchte. Ganz klar Ersteres. Eigentlich hätten auch Patrick und Max dazugehört. Die drei haben mich den ganzen Wettkampftag so enorm unterstützt, dass sie Teil meines Rennens geworden sind.
Wir berühren den roten Teppich, auf dem wir in das Stadion eintauchen. Zuschauer säumen die Reihen. Im Wechsel ertönen Musikklänge und die Stimme des Sprechers. Beides dringt aber wie von weit entfernt zu mir. Dann folgen zwei Rechtsknicke und endlich sehe ich das rechteckige Zieltor vor mir. Ich balle die linke Faust und recke sie nach oben. Nach 4:28:53 für den Marathon und 10:54:15 h insgesamt beende ich meine erste Langdistanz. Ich stütze mich auf den Oberschenkeln ab, lege meinen Kopf auf die Schulter meiner Freundin und sage nur: „Ich habe es geschafft!“ Meine Augen werden etwas feucht. Ich habe mir einen sportlichen Lebenstraum erfüllt.



Leider konnte ich bei Deinem ersten Iron Man nicht dabei sein, aber beim Lesen Deines Berichtes hatte auch ich Gänsehaut! Beim nächsten bin ich auch dabei!!
Ich bin so stolz auf Dich. Mum
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Hallo Daniel,
das ist unfassbar, was du geschafft hast! Ich bin stolz auf dich! Und du darfst stolz auf dich sein, dir diesen Lebenstraum erfüllt zu haben! Super mentale und körperliche Leistung! Respekt und Chapeau.
Tolle Fotos und vor allem: echt toll geschrieben. Ich bin total angerührt und kann es nachempfinden wie es dir gegangen sein muss.
… und nun: pflege Körper und Seele… und gönn dir ein „g´scheites Frühstück :). Herzliche Grüße Elfi
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