50 Kilometer rund um Gießen

Lasse: „Eugen.“
Daniel: „Philipp.“
Und schon bin ich wieder an der Reihe, um einen Männernamen ohne „a“ zu nennen. Ich überlege angestrengt, während wir dem schneebedeckten Single-Trail weiter nach oben folgen. Wir sind bei Kilometer 15 und nennen abwechselnd Begriffe oder Namen zu verschiedenen Themen. Es ist nicht gerade mein Parade-Spiel, aber zugegebenermaßen ein hervorragender Zeitvertreib, der uns vom steten Wandern ablenkt. In den Runden zuvor, als wir im Wechsel Laufschuh-Marken, Tracking-Apps und Skispringer nennen mussten, hatte ich noch problemlos Namen und Begriffe parat. Aber jetzt?! Annähernd gähnende Leere. Plötzlich habe ich jedoch einen Einfall und schieße triumphierend hervor: „Eduard.“
„Ähm, in dem Namen ist übrigens ein „a“ enthalten“, kontert Daniel und Lasse stimmt in sein Grinsen ein. Ich schüttle resigniert den Kopf und muss auch lachen.

Megamarsch Gießen

Drei Stunden zuvor brachen Daniel und ich zu unserer 50-Kilometer-Wanderung auf. Eigentlich war an jenem Samstag Anfang Dezember eine Teilnahme beim Megamarsch in Freiburg geplant, doch die prickelnde Vorfreude schwand nach nur 24 Stunden, wurde die Ultra-Wanderung doch wegen Corona abgesagt. Dennoch hielten wir an diesem Ziel fest und entschlossen uns dazu, es auf eigene Faust durchzuziehen. Da wir beide in Gießen studiert hatten, entschieden wir uns für eine Strecke rund um die hessische Uni-Stadt. Megamarsch Gießen sozusagen. Sollte besagter Veranstalter je in Erwägung ziehen, dort eine Wanderung anzubieten, kann er sich gerne bei uns melden 😉.

Kletteraktion

Am 05. Dezember, kurz nach 8 Uhr, geht es also los. Das Sportinstitut am Kugelberg, das wir vor zehn Jahren zum ersten Mal beehrt hatten, dient als Startpunkt für unser Projekt „50 Kilometer in unter 12 Stunden“. Wir schießen ein Start-Selfie und gehen zügig voran. Und schon nach lediglich rund 200 Metern stoppen wir auch schon wieder abrupt ab. Ein gut zweieinhalb Meter hoher, mit Zacken versehener Zaun baut sich vor uns auf und versperrt den Weg. Okay, das geht ja gut los, denke ich mir und sage zu Daniel: „Der war vor drei Jahren aber noch nicht da“. Damals wohnte ich noch in der Nähe von Gießen und joggte hin und wieder am Sportinstitut. Wir entscheiden uns für eine Kletteraktion, da ein Umgehen des Zauns rund 1,5-Extrakilometer bedeuten würden. Grazil und mit ausgefeilter Technik hangeln wir uns nach oben und überwinden schon im ersten Anlauf das Hindernis. Die Huberbuam hätten das nicht besser hinbekommen. Zugegeben: Die Aktion könnte sich etwas anders als dargestellt ereignet haben, aber lassen wir das einfach mal so stehen 😅.

Im Flow und der dritte Mann im Bunde

Anschließend überqueren wir ein Bahngleis, unterqueren den Gießener Ring und tauchen in den stillen Stadtwald ein. Auf dem breiten, leicht ansteigenden Weg verfallen wir in ein zügiges, angenehmes Wandertempo und spüren, wie sich die anfängliche Kälte allmählich verflüchtigt. Nach 3,5 Kilometer biegen wir auf einen kurzen Singletrail ab und überqueren kurz darauf die Bundesstraße nach Reiskirchen. Mittlerweile haben wir unser Wander-Tempo gefunden und verspüren eine Art Flow. Wir quatschen über unglücklich verlorene, gut dotierte Fußball-Wetten, vergangene Urlaube und gehen der Frage nach, ob man ein Haus kaufen oder lieber selber bauen solle. Zeit und Strecke vergehen wie im Flug und so merken wir kaum, dass wir die kleine Ortschaft Rödgen hinter uns lassen.

Kurz darauf, bei Kilometer 8, stößt Lasse, ein weiterer Kumpel aus vergangenen Uni-Tagen, zu uns. Nach überstandener Corona-Erkrankung möchte er sich noch etwas schonen und marschiert eine Teilstrecke mit. So begleiten wir nun zu dritt den schlängelnden Verlauf der Wieseck, ehe wir das Landschaftsschutzgebiet Hangelstein betreten. Mittlerweile bedeckt feiner Schnee den Weg, der schon bald in einen großartigen, ansteigenden Singletrail übergeht und mich zum Schwärmen bringt. Warum auch immer ich diesen Landschaftszug während meiner Studentenzeit und auch danach nie entdeckt habe? Echt ärgerlich! Denn auch die zwei weiteren Kilometer entpuppen sich als kleines, aber sehr feines Trail-Revier, das durch den sanften Nebel, den tiefhängenden Zweigen und das Weiß des Neuschnees ein Hauch Mystik ausstrahlt.

Die Schuhwahl war auch schon mal besser

Nicht weniger besonders gestaltet sich der anschließende Streckenabschnitt zum Lollarer Kopf, den nördlichsten Punkt unserer Tour. Hier bietet sich uns annähernd ein Ebenbild zum Hangelstein, da auch dort schmale Pfade den wildromantischen Wald durchziehen. Nachdem wir das eingangs erwähnte Spiel beendet haben, steigen beziehungsweise rutschen wir vielmehr auf dem schnee- und matschgesäumten Weg hinunter. Gewiss war die Wahl des Schuhwerks nicht die allerbeste. Fälschlicherweise rechneten wir vor Aufbruch der Wanderung überhaupt nicht mit Schnee auf den Wegen und entschieden uns daher für das Tragen leichter Laufschuhe (Lasse als Local war selbstverständlich mit Wanderschuhen ausgestattet). Neben dem fehlenden Grip ist nun jedoch auch das Eindringen unangenehmer Nässe in die Schuhe ein kleiner Stimmungskiller. Wie gut, dass wir schon bald wieder auf trockenem Wege sind und bei einem Getränkemarkt einen willkommenen Stopp einlegen können.

Fluss und See

Die Lust auf ein zweites Gebräu wäre da, dennoch belassen wir es bei einem Getränk und wandern weiter. So lassen wir Lollar hinter uns, unterqueren Bahngleise und folgen kurz danach dem Verlauf der Lahn. Hier waren wir schon zu Studentenzeiten am 1. Mai unterwegs, mit Bollerwagen und bei gut 25 Grad und dem ein oder anderen Promille-Zehntel mehr. Dagegen hätte ich momentan auch nichts einzuwenden – damit meine ich selbstverständlich nur die höheren Temperaturen 😇 – kriecht die Kälte doch so ganz allmählich unangenehm in Fingerspitzen und Füße.

Bei Kilometer 20 überqueren wir schließlich den ruhigen Fluss und gelangen wenig später zu einem weiteren Gewässer. Wir folgen dem Ufer der Launsbacher Seen und nachdem Daniel einen kleinen Einblick in sein Witze-Repertoire gegeben hat, lassen wir die Hanson Brothers mit ihrem One-Hit-Wonder mmmbop erklingen – warum auch immer wir plötzlich darauf kommen. Für gute Laune sorgt es aber definitiv!

Halbzeit ohne Pause

Wenig später führt uns der Weg bergauf zur Burg Gleiberg, wo wir die Halbzeit unserer Wanderung feiern. Normalerweise wäre hier ein perfekter Ort, um eine Pause einzulegen und sich an der Panorama-Aussicht zu erfreuen. Leider ist es einfach viel zu kalt, um sich zu setzen und die Wetterlage viel zu schlecht, um einen Weitblick ins mittelhessische Land genießen zu können. Daher verlassen wir das um 900 n.Chr. erbaute, prächtig anmutende Mauerwerk rasch wieder und begeben uns an den Abstieg.

Allmählich spüre ich die Belastung ein wenig. Nacken und Füße schmerzen leicht und auch bei meinen Mitstreitern sahen die Schritte schon mal etwas runder aus. Passend zum körperlichen Zustand werden auch die Gespräche einsilbiger und ein jeder hängt etwas länger seinen eigenen Gedanken nach.

Business-Pläne

Bei Kilometer 30 passieren wir mit Heuchelheim die dritte Ortschaft unserer Tour (leider ohne Getränkemarkt direkt an der Strecke 😇) und folgen einem breiten Weg zum Silbersee. Mittlerweile sprechen wir über eine, bezeichnen wir es mal als interessante Geschäftsidee von Daniel, bei dessen Diskussion Lasse richtig in Fahrt kommt und der Idee stets neue Aspekte abgewinnt. Das ist teilweise so abstrus, dass ich nur vor mich hin grinsen kann. Da ich die Idee hier natürlich nicht publik machen möchte, nur so viel: Es geht um ein neuartiges Lauf-Shirt, das mit USB-Anschluss, Laptop und CO2-Flasche kombiniert wird. Wie man das in sinnvollen Einklang bringt? Ich habe absolut keine Ahnung mehr 😅. Eventuell müssten wir an dem Konzept noch etwas feilen, falls wir uns damit jemals vor Maschmeyer und Thelen in die Höhle der Löwen wagen sollten 😄. Während unserer Business-Planung vergehen die Strecke und leider auch die letzten Minuten mit Lasse wie im Flug. Am Dutenhofener See beendet er schließlich die Tour und lässt sich von Freundin Laura und Hund Josy abholen.

Wieder zu zweit unterwegs, umrunden Daniel und ich den kleinsten der drei Seen. Hier sind im Sommer zahlreiche Wasser-Sportler zu sehen, die sich im Oval der Wasserski- und Wakeboard-Anlage den nötigen Adrenalin-Kick holen. Bei bedecktem Himmel und frischen drei Grad kann ich mir das gerade mal so gar nicht vorstellen.

Ziele

Während wir die Südseite des kleinen Sees streifen, fragt mich mein Wanderkollege nach meinen sportlichen Zielen. Ich komme ins Grübeln und nenne mit dem Ironman Hawaii, Ultra Trail du Mont Blanc und den Western States in den USA meine langfristigen Ziele. Aber welche sind meine kurz- und mittelfristigen Ziele? Wieder mehr Triathlon oder doch lieber Trailrunning? Oder beides? Ich weiß es nicht genau, und finde es derzeit sehr schwierig, Ziele zu definieren.

Eines weiß ich aber sicher: Die heutige Ultra-Wanderung möchte ich gemeinsam mit meinem Kumpel beenden – in unter 12 Stunden. Und wir sind auf einem guten Weg, da wir nach 35 Kilometern lediglich sieben Stunden Gehzeit auf der Uhr stehen haben. Dennoch wird es allmählich zäh und die Schmerzen nehmen zu. Auch die Kälte macht mir etwas zu schaffen – und dabei habe ich im Vergleich zu Daniel noch Mütze und Handschuhe übergezogen.

Im Bergwerkswald

Nachdem wir Kleinlinden passiert haben, wartet noch einmal ein wahres Highlight auf uns, das zu meinen absoluten Lieblings-Gebieten im Gießener Raum gehört: der Bergwerkswald. Dabei handelt es sich um ein stark zerklüftetes, ehemaliges Tage- und Bergbaugelände. Auf schmalem Pfad, der uns über Wurzeln und Steine sanft bergauf und bergab führt, streifen wir kleinere Teiche und Tümpel, die nicht etwa angelegt wurden, sondern durch abgeworfene Bomben während des 2. Weltkriegs entstanden sind. Es ist mittlerweile schon etwas dunkel geworden, dennoch genießen wir unseren zwei Kilometer langen Streifzug durch die urwaldähnliche Landschaft.

Noch zehn Kilometer

Anschließend durchqueren wir die kleine Ortschaft Oberhof, betreten erneut einen Wald und nehmen damit das letzte Fünftel der Tour unter unsere Füße. Wir wandern für rund 400 Meter auf einem schmalen Pfad, ehe dieser in einen breiteren Weg übergeht.

Seit geraumen zehn Kilometern hat Daniel seine ehemals längste Wander-Distanz übertroffen, ist dafür aber noch immer gut zu Fuß. Während er von der Seite in das schummrige Licht meiner Stirnlampe blickt, gibt er einen Einblick in seinen Gemütszustand: „Langsam freue mich auf das Ziel. 100 Kilometer kann ich mir gerade mal so gar nicht vorstellen!“ Dito! Über diese Strecke hatten wir im Vorfeld gesprochen, uns aber schnell darauf geeinigt, es zunächst mit der halben Distanz zu versuchen.

Unterhalb des Kloster Schiffenberg, das sich auf meinem ehemaligen Hausberg befindet, passieren wir die 45-Kilometer-Marke. Mittlerweile ist es stockdunkel und lediglich der Schein meiner Stirnlampe durchbricht das matte Schwarz des Waldes. Die Fußunterseite schmerzt, dafür spüre ich die Kälte kaum noch. Ich blicke auf meine Tracking-App und registriere, dass wir mit annähernd 6 km/h für die fortgeschrittene Stunde noch immer sehr flott unterwegs sind.

Plötzlich verlassen wir den Wald und können die ersten Lichter von Gießen sehen. Als wir kurz darauf das Audimax passieren, muss ich merkwürdigerweise an Biathlon denken. Ich grinse. Ach, wie schön war doch die Uni-Zeit, als man sich mit den Kumpel in die letzte Reihe des Vorlesungssaals zwängte und auf dem Laptop Magdalena Neuner und Co. beim Langlaufen und Schießen verfolgte 😀.

Der letzte Kilometer

Schließlich liegt der letzte Kilometer vor uns, die letzten Höhenmeter, die letzten zehn Minuten unserer Tour. Ich knipse meine Stirnlampe aus und wir lassen uns vom matten Licht der Straßenlaternen treiben. Dann biegen wir auf das Sportgelände ein und ich spüre, wie sich allmählich eine Gefühlsmischung aus Zufriedenheit und Stolz in mir ausbreitet. Wir passieren die anliegenden Tennisplätze, gehen von Scheinwerferlicht beleuchtete Treppenstufen nach oben und sind schließlich am Ziel; neuneinhalb Stunden, nachdem wir von dort aufgebrochen sind.

War das tatsächlich erst heute Morgen, als wir von hier gestartet und über den Zaun geklettert sind? Oder das kleine, wundervolle Winterwunderland am Hangelstein – haben wir das auch erst heute entdeckt? Bei so vielen Eindrücken über den gesamten Tag fühlen sich diese Ereignisse irgendwie länger zurückliegend, ja sogar beinahe unwirklich an.

Ganz und gar nicht unwirklich fühlt sich dafür das Abklatschen mit Kumpel Daniel an – und das anschließende Öffnen und Genießen des wohlverdienten Finisher-Biers. Gemeinsam haben wir es geschafft, haben die guten Momente genossen und die (wenigen) schwierigen Phasen zusammen durchgestanden. Bei widrigen Bedingungen sind wir um unsere liebgewonnene Uni-Stadt gewandert, die uns in der Vergangenheit so viele schöne und denkwürdige Geschichten beschert hat. Jetzt haben wir ihr ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Wie ich finde, ein ganz Besonderes!

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