
4:40 min, 4:47 min, 4:52 min. Skeptisch blicke ich bei km 25 auf meine Laufuhr. Die Tendenz der letzten drei gelaufenen Kilometer gefällt mir absolut nicht – doch leider lässt sich das Langsamer-werden nicht verhindern. Mein Cousin mit seinem leuchtend gelben Shirt entschwindet so langsam aus meinem Blick. Mein Körper fühlt sich sehr müde an und ich denke an meine Marathon-Vorbereitung. Die war aber auch durchwachsen…
Probleme in der Vorbereitung
Sehr durchwachsen, um genau zu sein. Ich hatte mich schon irgendwie durch die Triathlon-Saison gekämpft und nur sehr wenige Laufeinheiten absolviert, da es ständig an Gesäß, Oberschenkel-Rückseite und Wade zwickte – und dann sollte in dem körperlichen Zustand auch noch die Vorbereitung auf den Frankfurt Marathon starten.
Nachdem ich schon im vergangenen Jahr wegen einer Achillessehnen-Entzündung nicht starten konnte, wollte ich die Teilnahme dieses Jahr umso mehr. Daher setzte ich alles daran, damit dieser Wunsch in Erfüllung ging. Zunächst stellte ich mir also einen einigermaßen realistischen Trainingsplan für die 12-wöchige Vorbereitung auf, der zwei Laufeinheiten pro Woche beinhaltete (mehr war mit den besagten Wehwechen unvernünftig). Schrittweise wollte ich Umfang und Intensität erhöhen, sodass die längste Laufeinheit 32 km betragen sollte. Parallel dazu bekam ich Physiotherapie, und ich probierte auch zum allerersten Mal Kompressionssocken aus. Außerdem war täglich die Anwendung mit der Blackroll sowie zwei Mal die Woche ein umfassendes Dehn-Programm angesagt.
25-km-Desaster
Die Maßnahmen schlugen an, aber eben nur sehr sehr langsam. Vier Wochen vor dem Marathon absolvierte ich einen Halbmarathon, was bis dato der längste Lauf in der Vorbereitung war. Auch hier spürte ich die angesprochenen Problemzonen, es war aber auszuhalten und zum ersten Mal verspürte ich eine gewisse Zuversicht, dass es mit dem Marathon klappen könnte. Fünf Tage danach stand dann ein 30 km-Trainingslauf auf dem Plan. Hier merkte ich aber schon sehr früh, wie die Muskulatur vom Gesäß abwärts “zumachte”. Mit Ach und Krach schaffte ich 25 km, mit Spaß hatte das absolut nichts zu tun. Frustriert kam ich Zuhause an und war mir sicher: Das mit dem Marathon kannst du so was von vergessen!
Was soll ich sagen, am 29. Oktober stand ich dennoch an der Startlinie des Frankfurt Marathons, obwohl ich nach dem 25-km-Desaster nur noch kürzere Läufe absolviert hatte. Wenigstens einen 30er hätte ich schon gerne in den Beinen gehabt…So nutzte ich die verbleibende Zeit bis zum Marathon aber mit weiterer Physio und versuchte, mir positiv zuzureden. Trotz der ernüchternden Vorbereitung setzte ich mir eine einigermaßen ambitionierte Zeit von 3:20 h zum Ziel. Wenn es perfekt lief, könnte das durchaus klappen. Wenn…

Wind auf der Marathonstrecke
Als um 10 Uhr der Startschuss fällt, windet es höllisch. Bläst der Wind im einen Moment von der Seite, so bremst er die laufende Meute im nächsten Moment unbarmherzig von vorne aus. Dennoch kommen mein Cousin Patrick und ich gut voran und lassen das Messegelände zügig hinter uns. Wir passieren die 10 km Marke nach 47:13 min und sind bzgl. Zielzeit voll im Soll.
Kurz darauf überqueren wir über die Alte Brücke den Main und halten uns für knapp einen km am Fluss entlang. Anschließend führt die Strecke über die Kennedyallee, und bei km 15 spüre ich zum ersten Mal ein leichtes Ziehen in meinem rechten Gesäß- und Oberschenkel-Muskel.
Zügig durchqueren wir Frankfurt-Niederrad, unterqueren die A5 und sind kurze Zeit später an der Halbmarathon-Marke. Lautstark werden wir von links und rechts der Straße angefeuert und ein Moderator verkündet lautstark, dass wir alle, die wir an ihm vorbeiziehen, auf 3:16 h Kurs sind. Passt auch, denn die HM-Marke passieren wir bei 1:38 h.
Ich werde langsamer
Wenige hundert Meter später fühle ich mich aber schon sehr angeknockt und zum ersten Mal tut sich eine Lücke zu Patrick auf. Ich schließe diese noch einmal für zwei Kilometer, in denen wir Schulter an Schulter laufen, ehe ich das Tempo aber endgültig nicht mehr halten kann. Nach und nach verliert sich der Blick zu meinem Cousin, der sich auch eine Sub-3:20 h zum Ziel gesetzt hat. Ich bin gespannt, ob er sie erreichen wird und drücke ihm innerlich die Daumen.
Über die Schwanheimer Brücke geht es wieder auf die andere Seite des Mains und kurz darauf in den Stadtteil Höchst, km 27 des Marathons. Mittlerweile muss ich mich von einer Kilometerzeit unter 5 Minuten verabschieden – und selbstverständlich auch von meinem gesetzten Ziel “unter 3:20 h”. Nun machen sich die fehlenden lange Läufe in der Vorbereitung schmerzlich bemerkbar.
Kilometer für Kilometer büße ich einige Sekunden ein und bin mittlerweile nur noch darauf aus, nicht zu gehen, sondern ein einigermaßen konstantes Lauftempo zu halten, das sich mittlerweile bei 6:00 min/Kilometer eingependelt hat.
Kopfsache
Mitte der Mainzer Landstraße, km 32, beschließt ein Teil in mir, noch bis zur nächsten Kilometermarke zu laufen, um dann einige Schritte zu gehen. Dort angekommen, gewinnt, warum auch immer, der andere Teil, der mich antreibt, weiter zu kämpfen und eben nicht zu gehen. Dieses Zwiegespräch in meinem Inneren setzt sich bis km 40 fort, in dem ich bei jeder Kilometermarke dennoch in meinem müden Lauftrott bleibe. Lediglich bei zwei Verpflegungsstellen gönne ich mir einige Gehschritte.
Zwischenzeitlich bin ich weit von meiner ursprünglichen Zielzeit entfernt und freue mich einfach nur noch auf das Finish. Ein Kilometer vor dem Ziel krampft sich urplötzlich meine rechte Oberschenkel-Rückseite zusammen und ich humpele drei, vier Meter vor mich hin. Ich kann aber weiterlaufen und biege kurz darauf in den Zielkanal ein.
Einzigartiger Zieleinlauf
Und dabei handelt es sich um einen ganz besonderen Zieleinlauf. Die Festhalle ist Disco und Laufsteg zugleich. Auf einem roten Teppich lege ich die letzten 300 m zurück, durchbreche wild tanzende Lichtstrahlen und sauge den pushenden Sound in mich auf. Von den Lichtstrahlen angeleuchtet, schwebt glitzerndes Konfetti sanft über mich hinweg. Tausende Zuschauer jubeln uns Marathonis von der Tribüne zu. Einige Teilnehmer spurten in Richtung Ziellinie, ich hingegen werde immer langsamer, um die einzigartige Stimmung so lange wie möglich auszukosten.


Schließlich überquere ich nach 3:38:55 h die Ziellinie und recke die Faust in die Höhe. Ohne die nötigen Grundlagen-Kilometer in der Vorbereitung war einfach nicht mehr drin und ich bin dankbar, dass ich keine größeren Schmerzen hatte und finishen konnte. Im Vorfeld antwortete ich Patrick auf die Frage, wie das Lauftraining denn lief, beinahe jedes Mal: 50/50-Chance, ob das mit einem Start beim Marathon klappt. Einige Mal schätzte ich die Chancen gar auf mickrige 30/70 ein. Also, was will man mehr?!
Apropos Patrick, er hat die Sub-3:20 h zwar um sechs Minuten verfehlt, seine Marathon-Bestleistung aber um mehr als 20 Minuten verbessert. Chapeau!

