“Hey”, ruft ein Kerl, als er mit seinem Rennrad gemütlich an mir vorbei in Richtung Startlinie rollt, “das ist die falsche Sportart”. Ja du Schlaumeier, denke ich verärgert, das weiß ich doch auch. Der Tannheimer Tal Radmarathon hat noch nicht mal begonnen, da ist mein Puls schon am Anschlag. In Radtrikot und -hose sprinte ich nämlich gerade zur Startlinie und suche Andi. Mein Kumpel hat nämlich mein Rennrad bei sich. Bis zum Start sind es noch zehn Minuten. Ich bin in Sneakers und Radfahr-Outfit und mein Kumpel mit meinem Fahrrad unterwegs. Wie konnte es so weit kommen?
Stilles Örtchen, stumme Absprache
Die missliche Lage resultierte aus einem reinen Abspracheproblem. Rund 30 Minuten vor dem Start parkten wir das Auto und ich verabschiedete mich, um noch kurz das Stille Örtchen aufzusuchen. Als ich zurückkam, war kein Andi und kein Fahrrad zu sehen, da er dachte, wir träfen uns am Start. Doch ich benötigte ja noch Sturzhelm, Radschuhe und -brille, die sich allesamt im Auto befanden. Schnell griff ich also zu meinem Handy, um dann festzustellen, dass ich kein Netz hatte. Also rasch einen Mitstreiter darum gebeten, ob ich sein Handy benutzen dürfte, vergaß in der Hektik aber 0049 vorzuwählen.
Es half alles nichts, erneut musste ich eine Laufeinheit starten. In dem Gewusel im Startbereich war aber von einem Andi und erst recht von meinem Fahrrad keine Spur. Zurück am Auto sprach ich eine Zuschauerin an und fragte, ob ich telefonieren dürfte. Dieses Mal machte ich es besser und tippte die deutsche Vorwahl ein. Prompt meldete sich Andi und nach einem kurzen, gegenseitigen Vorwürfe-machen (so viel Zeit musste schon noch sein 😀 ) kam er angeradelt.
Am Ende des Feldes
So sprintete ich also zur Startaufstellung – dieses Mal mit Fahrrad – und komme gerade noch rechtzeitig. Soeben rollt das bunte Feld der Marathonis los. Als ungefähr Fünftletzter von rund 1000 Startern fahre ich über die Startlinie, und endlich, nach dem ganzen Stress, beginnt das eigentliche Abenteuer “Radmarathon” – das dann aber nach 200 m auch schon wieder unterbrochen werden muss. Mein Tacho funktioniert nicht, da beim Transport der Sensor verrutscht ist. Wie lange mache ich diesen Sport eigentlich schon?! Heute reihen sich die Leichtsinnigkeiten aber auch aneinander. Also steige ich noch einmal vom Rad und richte den Sensor neu aus. Dann kann es aber wirklich losgehen.
Mittlerweile als Vorletzter des Feldes verlasse ich die schöne Ortschaft Tannheim und drehe die 10 km lange Runde über Grän, ehe es erneut an Tannheim vorbeigeht. Anschließend führt die Strecke in Richtung Oberjoch in Deutschland. Mit Blick auf den pechschwarzen Himmel schwant mir Übles. Und noch mitten auf der Abfahrt nach Wertach beginnt es dann auch schon zu tröpfeln und dann stärker zu regnen.
Meine alte Heimat
Zwischenzeitlich habe ich mich ein wenig vorgekämpft und kann erneut einige Plätze gutmachen, als es hinter Wertach bergauf geht. Es folgt eine anspruchsvolle Abfahrt und kurz darauf streife ich Immenstadt, wo ich zwei herrliche Jahre verbracht habe. Km 56 des Marathons befindet sich hier und noch immer regnet es unablässig. Immerhin ist die Außentemperatur recht erträglich, sodass ich nicht zu frieren beginne.
16 Prozent Steigung
Anschließend führt die Strecke im leichten Auf und Ab nach Obermaiselstein, wo der Spaß nun richtig beginnt. Auf uns Fahrer wartet Deutschlands höchst gelegene Passstraße: der Riedbergpass. Mit knapp 9 km Länge und maximal 16 Prozent Steigung schraubt sich die Gebirgsstraße nach oben und ich kann nicht anders, als aus dem Sattel zu gehen. Aber ich fühle mich gut und kann mich für die Verhältnisse recht zügig voranbewegen. Mein Gemütszustand verbessert sich dann noch ein wenig, als es endlich zu regnen aufhört.
Dann, kurz vor der Passhöhe, ertönen plötzlich schöne Alphornklänge. Traditionell empfängt eine Gruppe von Bläsern hier die kämpfende Radfahrerschar. Wenig später, auf der Passhöhe (1407 m), erblicke ich Andi am Straßenrand, der mich lautstark anfeuert.

Durch den Bregenzerwald
Anschließend geht es rasant bergab und kurz hinter Balderschwang nach Österreich in den Bregenzerwald. Die Sonne scheint jetzt kräftig und entschädigt für die schlechten Wetterverhältnisse auf den ersten 70 km. In einer gut funktionierenden Gruppe rolle ich mit und lasse Hittisau und Lingenau hinter mir. Schließlich, bei km 105 in Egg, wird aus dem eher gemütlichen Rollen ein anstrengendes Rollen. Ab hier wartet nämlich ein 42 km langer Anstieg auf uns, der uns hoch auf den Hochtannbergpass führt.
Zunächst ist die Steigung überschaubar, im Grunde schon fast angenehm zu fahren. Erst nach knapp 30 moderaten km startet der finale Anstieg, bei dem es auf 13 km 900 knackige Hm zu überwinden gilt, mit teilweise 14 Prozent Steigung. Also Kräfte sparen, denke ich mir, und fahre in der mittlerweile stark angewachsenen Gruppe mit. Dennoch wird mein Puls ordentlich in die Höhe gepusht, da die Gruppe gut Gas gibt. Da ich den Anschluss nicht verlieren und vor allem vom wichtigen Windschatten profitieren möchte, versuche ich mit aller Macht, am Hinterrad meines Vordermanns dran zu bleiben.
Hochtannbergpass
Wir passieren einige Tunnel, die ein leicht mulmiges Gefühl in mir verbreiten, und erreichen dann die letzte Verpflegungsstelle, bevor es ernst wird. Und es wird tatsächlich richtig ernst. Immer steiler werdend führt die Passstraße nach oben. Gefühlt im Minutentakt fällt meine Geschwindigkeit: 12, 11, 10, 9, 8 und schließlich 7 km/h. Es ist wahnsinnig anstrengend und frustrierend. Immerhin bin ich nicht der Einzige, der sich in diesem Schneckentempo hochquält. Auch meine Mitstreiter tun sich sehr schwer. Und dann ist da noch diese Hitze: Die Sonne brutzelt jetzt nämlich richtig herunter, ganz so, als ob sie nun alles nachholen möchte, was sie uns Fahrern anfangs vorenthalten hat.
Immer wieder blicke ich nach oben, in der Hoffnung die Passhöhe zu entdecken. Jedoch ist diese nicht auszumachen. Also beiße ich die Zähne zusammen und konzentriere mich darauf, einfach eine Kurbelumdrehung nach der anderen zu machen. Der Puls ist am Anschlag und bei gefühlt jedem Tritt schmerzen die Oberschenkel ein klein wenig mehr. Selten habe ich mir das Ende eines Anstiegs so sehr gewünscht, wie jetzt.
Dann, nach einer 180-Grad-Kurve wird es ein klein wenig flacher. Zum ersten Mal seit acht km nehme ich wieder eine sitzende Position ein. Zwei km weiter atme ich schließlich erleichtert aus: die Passhöhe des Hochtannbergpass ist erreicht. Ich bin unglaublich erleichtert.
Durch das Lechtal
Als ich mir im Vorfeld das Streckenprofil angeschaut habe, freute ich mich schon auf den Abschnitt nach dem Hochtannbergpass. Nun geht es nämlich rund 50 km bergab, direkt hinein in das Lechtal. Erneut bildet sich wieder eine homogene Gruppe, die sich in rasantem Tempo durch das wunderschöne Tal voranbewegt. Wehmütig blicke ich auf das Glitzern des azurblauen Flusses. Wie gerne würde ich dort hineinspringen, mich danach an das Ufer legen und meine müden Beine ausstrecken.

Ein letzter Anstieg
Noch aber warten rund 30 km auf mich – und ein letzter Anstieg. Die Steigung des Gaichtpass ist moderat, ohne Vorbelastung sind die knapp 250 Hm sehr gut zu bewältigen. Mittlerweile fühle ich mich aber sehr müde, sodass dieser Anstieg nochmal eine ordentliche Herausforderung darstellt.
Irgendwie schaffe ich aber auch noch diese Hürde und ein erstes Hochgefühl breitet sich in mir aus. Nun ist es bis ins Ziel in Tannheim nur noch flach – und noch einmal zeigt sich der Marathon von seiner schönsten Seite. Eingebettet zwischen den Bergen führt die Straße am wildromantischen Haldensee vorbei, dessen Wasseroberfläche in einem ganz besonderen Grün-Blau erscheint. Einmal mehr wird mir bewusst, wie besonders diese Gegend ist.
Zurück in Tannheim
Ca. 5 km vor dem Ziel überholt mich eine vier Mann große Gruppe, an die ich mich anschließe. Bei Tannheim vollführt die Strecke noch eine kurze Ehrenschleife, um schließlich den Blick auf den Zielbogen frei zu geben. Mit einem erleichternden Lächeln rolle ich nach 8:05 h Fahrzeit über die Ziellinie, wo mein Kumpel Andi auch schon wartet.
Als ich vom Rad steige, schmerzt mein ganzer Körper. Aber ich bin stolz und zufrieden. Nach dem nicht ganz optimalen Start habe ich von letztlich 806 gefinishten Teilnehmern den 343. Platz erreicht.

