Auf die Zugspitze

Spontane Aktionen sind die Besten. Sei es beim Feiern oder bei anderweitigen Freizeitausübungen. „Anderweitig“ bedeutete bei mir dieses Mal: Rauf auf die Zugspitze und wieder runter. Am Freitagnachmittag. Es war das Highlight meines Sportjahres.

Ich liege noch im Bett und denke mir: Irgendwas will ich nach Arbeitsschluss machen. Ne geile, sportliche Aktion. Nach kurzem Grübeln entscheide ich mich für die Zugspitze, stehe auf und packe meine Siebensachen.

Auf unserer Tourenplattform checke ich noch die Route ab, lade sie auf mein Handy und düse nach der Arbeit los in Richtung Ehrwald in Österreich. Dort komme ich gut anderthalb Stunden später an und bin etwas angespannt. Es ist 13.30 Uhr und ich weiß, was vor mir liegt: 13 km und 2000 Hm bis auf den Gipfel. Und wieder zurück. Es ist kein Pappenstiel, ich muss schon einigermaßen zügig unterwegs sein.

Ein Blick in Richtung Gipfel verrät mir, dass ich den Gipfel ziemlich sicher unter Wolkenbehang erreichen werde. Eine graue Suppe schmiegt sich um das imposante Bergmassiv. Ich laufe los und weiß nicht wirklich, wie gut meine Beine sein werden, da ich fünf Tage zuvor eine Triathlon-Mitteldistanz absolviert hatte.

Nach dem Start an der Ehrwalder Almbahn geht es sofort in den ersten Anstieg hinein und auf einem breiten Forstweg nach oben, der mich zur Ehrwalder Alm führt. Sie lasse ich hinter mir und folge weiter dem breiten Weg. Auf ihm gelange ich zur Hochfeldernalm und betrete anschließend einen schmalen Pfad. Endlich ein vernünftiger Trail!

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Der schmale, wunderschöne Weg führt über Bachläufe, Wurzeln und Felsgestein nach oben. Ich passiere das Feldernjöchl auf 2045 m, renne ganz kurz abwärts und bin wenig später beim sogenannten Gatterl. Hier verlasse ich Österreich und laufe anschließend auf deutschem Boden weiter.

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Rund 8 km habe ich zu diesem Zeitpunkt in den Beinen und für knapp 2 km geht es annähernd flach, über kantiges Felsgestein, dahin. Ich erreiche die Knorrhütte (2050 m) und beginne ab hier einen steilen Anstieg. Knapp 1000 Hm liegen noch immer vor mir. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich jedoch noch nicht, dass dieses „steil“ im Vergleich zum bald folgenden finalen Anstieg ein Kindergeburtstag ist.

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Meter für Meter lege ich zurück und komme so den Wolken immer näher. Von blauem Himmel ist kaum mehr eine Spur. Einige Wanderer kommen mir entgegen. Kaum jemand ist zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Weg zum Gipfel. Steine, Geröll, Felsen – fast überall ist einfach nur graue Farbe. Kein Baum, Bachlauf oder See. Auch die immer tiefer sinkende Wolkensuppe bringt nicht mehr Farbe in mein Trailrunningabenteuer. Aber dieses Szenario hat etwas Mystisches und für mich bis dato Einmaliges. Ich genieße diese besondere Stimmung und bin völlig eins mit meiner umgebenden, felsigen Berglandschaft. Vor mir taucht die Gletscherbahn auf, die gen Zugspitze fährt. Bald schon entschwindet die große Gondel jedoch meinem Blick und taucht kurz vor dem Gipfel in das Wolkengemisch ein.

Urplötzlich führt der Weg nach rechts, wobei die Bezeichnung „Weg“ für den folgenden Abschnitt eigentlich übertrieben ist. Ich steige über ein ca. 20 m breites, extrem steiles Geröllfeld nach oben. Immer wieder rutsche ich und muss alle Viere einsetzen, um einigermaßen voranzukommen. Zwei Wanderer kommen mir entgegen, die auch alle Mühe haben, sich annähernd in der Senkrechten zu halten. Das kann beim Rückweg ja heiter werden, denke ich mir, während ich erneut einige Zentimeter zurückrutsche.

Schließlich lasse ich das steinige Geläuf hinter mir und folge anschließend einer klettersteigartigen Passage. Drahtseilgesichert lege ich so die letzten Meter zurück und stehe dann vor einer Treppe, die zum Münchner Haus führt. Kurz darauf bin ich oben. Auf dem höchsten Punkt Deutschlands. Check! Eine Aussicht ist wie erwartet nicht vorhanden, was meiner euphorischen Stimmung jedoch null Abbruch tut. Im Moment fühlt es sich einfach unfassbar gut an.

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Nachdem ich mir etwas Zucker und Coffein zugeführt habe, mache ich mich auch schon wieder an den Rückweg. Mittlerweile wird es schon um 20 Uhr dunkel und da ich keine Stirnlampe mithabe, sollte ich bis dahin am Auto sein.

Besser als befürchtet meistere ich die drahtseilgesicherte sowie die Geröllpassage und beschließe schließlich, mich mit etwas Klaviermusik berieseln zu lassen. Unbeschreiblich, wie die sanften Klänge meinen schon völlig zufriedenen Gemütszustand noch weiter anheben lassen. Schon jetzt ist mir bewusst, dass wenn immer ich diese Musik in Zukunft höre, ich an diesen besonderen Tag denken werde.

Auf dem Rückweg begegne ich keiner Menschenseele. Lediglich eine Handvoll Gämsen streifen meinen Weg. Ich sehe die Sonne langsam hinter den Bergen verschwinden und erreiche mit den letzten Strahlen meinen Ausgangspunkt. Das war definitiv eine richtig geile, sportliche Aktion!

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