
Ungläubig stehe ich mit meinen Skiern im Schatten der Bergstation „Crap Son Gion“ im Skigebiet Laax und blicke auf dieses Monstrum von Halfpipe. Während sich ein Snowboarder waghalsig in diese utopisch riesige Schneerinne stürzt, frage ich mich, ob ich allen Ernstes da hinein möchte. Okay, ich könnte natürlich auch einfach in der Mitte hindurchfahren und die auf beiden Seiten hoch aufragenden Wände gemütlich auf mich wirken lassen. Unser Skiguide sieht das jedoch ein klein wenig anders. Er meint in seiner unnachahmlichen Art, dass wir das „richtige Feeling nur spüren, wenn wir die Halfpipe in seiner ganzen Komplexität kennenlernen.“ Aha! Also gut. Mit erhöhtem Herzschlag fahre ich bergab und in die Halfpipe hinein. Und schneller als ich es für möglich gehalten hatte, kratzen meine Skier schon an der bläulich schimmernden Eiswand – und irgendwo in meinem Hinterkopf taucht die Zahlenfolge „6,90“ auf!
Vorreiterrolle im Freestyle-Bereich
6,90 m. Das ist die unglaubliche Höhe der sogenannten „Superpipe“ im Schweizer Skigebiet Laax – und das ist weltweit einzigartig! Das Konzept der einst bestehenden Halfpipe wurde von den Verantwortlichen neu überdacht und so wurde nicht nur die Höhe erweitert, sondern auch die Gesamtlänge um 60 Meter auf 200 Meter erhöht. Damit erfüllt die Halfpipe nun auch alle olympischen Bestimmungen und ist somit Magnet für nationale und internationale Verbände, um dort zu trainieren. Für den Verband Swiss-Ski für Freestyle gilt Laax sogar als nationaler Trainingsstützpunkt. Doch das Besondere der Anlage ist, dass nicht nur Profi- und Spitzensportler diese über den ganzen Winter nutzen dürfen, sondern auch alle anderen Freestyle-Fans. Und diese sind in Laax so zahlreich zugegen wie in sonst keinem zweiten europäischen Skigebiet. Denn was das Skigebiet neben weitläufigen und bestens präparierten Pisten noch auszeichnet, ist die uneingeschränkte Vorreiterrolle im Freestyle-Bereich. Allein die riesigen Snowparks mit mehr als 90 verteilten Obstacles und der neuen Pro-Kicker-Line in olympischer Größe sind in Europa einmalig.

Ein Visionär treibt Laax‘ Entwicklung an
Es sind Attraktionen, die vor allem die jungen Leute anlocken. Doch wer steht hinter dem Projekt „Freestyle“ und treibt die revolutionären Visionen voran? Der Mann heißt Reto Gurtner. Er ist 60 Jahre alt und übernahm die Bergbahnen Crap Sogn Gion in Laax von seinem Vater und fusionierte sie 1996 mit den Bergbahnen Flims zur Weissen Arena Gruppe. Wichtig ist ihm seit jeher die positive Einstellung zum Freestyle – aber auch zum Wintersport im Allgemeinen. Geprägt durch seine Studienzeit in Kalifornien, fand er Zugang zu den dortigen Surfer und war beeindruckt von deren Entspanntheit und Aufgeschlossenheit. So ist er der Meinung, dass sich der traditionelle Wintersport und das „rebellische“ Snowboarden nicht gegenseitig ausschließen, sondern sich vielmehr perfekt ergänzen.
Echt super diese Superpipe
Ich stehe am unteren Ende der Superpipe und bin überwältigt. Irgendwelche Tricks habe ich natürlich keine an den Tag gelegt, aber allein schon das einfache Hochfahren dieser senkrechten Eiswand brachte einen unglaublichen Nervenkitzel mit sich. Ein bisschen kann ich nun verstehen, warum Freestyler aus aller Welt auf diese Weltrekordanlage schwören. Noch während ich meinen Gedanken nachhänge, drängt unser Skiguide bereits auf das nächste Ereignis: „Nun habt ihr die Halfpipe souverän gemeistert, jetzt wollen wir mal die Obstacles genauer unter die Lupe nehmen.“ Puh, der will’s aber echt wissen. Gut so 🙂

